Yoshiko Kusano – Bordelle


Yoshiko Kusano.

Bordelle

2015, Verlag Scheidegger & Spiess. Broschiert, 112 Seiten, 57 farbige Abbildungen, 15.5 x 21 cm
ISBN 978-3-85881-476-0, Preis CHF 39,00 | EUR 38, 00

 

Haptik/Ausstattung
„Bordelle“ kommt als schmales Bändchen im Hochformat 21×15, 5cm daher. Der Umschlag ist in schlichtem Rot gehalten, matt lackiert und mit ebenso schlichter schwarzer Schrift bedruckt. Das Papier ist an den Rändern mit einem hellroten Farbschnitt versehen, was den Eindruck vermittelt, als habe man es mit einem rundum geschlossenen Kästchen zu tun. Die Klebung ist eine Spur zu kräftig ausgefallen und man hat Mühe, die Seiten zu blättern. Fast könnte man glauben, dass das absichtlich geschehen ist, damit sich das Buch – dem Thema entsprechend – immer sofort von selbst wieder schließt, wenn der Leseakt vollzogen ist. Abbildungen über den Mittelfalz hinweg leiden allerdings darunter, dass die Seiten nicht vollständig betrachtet werden können. Einige Abbildungen sind auch auf Kusanos Website zu finden und dort besser zu betrachten als im Buch.

Mit seinem kompakten Format könnte das Buch auch als hochwertiges Notizbuch durchgehen, das einen überallhin begleitet, um jederzeit die intimen Gedanken seines Besitzers aufzunehmen.

Die Autorin
Von Yoshiko Kusano erfahren wir, dass sie Jahrgang 1971 ist und nach diversen Praktika bei renommierten Fotokünstlern nunmehr schon seit vielen Jahren als freischaffende Fotografin arbeitet. Für ihr Projekt „Bordelle“ hat Kusano bereits 2007 einen Preis für Fotografie des Kantons Bern erhalten.

Inhalt
Bordelle ist ein Bilderbuch. Auf jeder Doppelseite erscheint das Interieur eines Zimmers. Alle Bilder sind in Farbe, es gibt keinerlei Text – weder zur Aufnahmetechnik noch zum Bildmotiv selbst. Textpassagen sind ein knapp 5-seitiger Einführungstext am Anfang, sowie Autoreninfos, Danksagungen und das Impressum am Ende des Buches. Dazwischen schwelgt der Leser – oder vielmehr der Betrachter – in üppigen Farben, größtenteils Variationen der Farbe Rot.

Alle fotografierten Räume sind aufgeräumt und sauber. Alle sind menschenleer und machen den Betrachter zum nächsten Freier oder zumindest zum Voyeur. Hier also wird Sex verkauft. Dort drüben auf diesem Bett, dort hinten hinter dem Vorhang. Umrahmt von Plüsch und Spiegeln. Cremedosen und Kleenextücher überall in Reichweite. Clean & soft statt quick & dirty. Man(n) kann die Seiten schulterzuckend durchblättern und alles gar nicht so schlimm finden. Auf den ersten Blick verharmlosen Kusanos Fotografien die Branche, machen käuflichen Sex zu einem Geschäft wie jedes andere. Die Bordelle sind so sorgfältig und zweckmäßig eingerichtet wie Friseurgeschäfte, Tattoo-Studios oder Fußpflegesalons. So what?

Man muss sich auf die Fotos erst einlassen und sich selbst dabei beobachten, um hinter die Fassaden zu sehen. Dann erkennt man die teils billigen Tricks, die angewandt werden, um die Kundschaft in Stimmung zu bringen. Poster, Herzen, Lichteffekte und immer wieder Plüsch und immer wieder Rot. Und dann wird einem – als männlichem Betrachter – plötzlich klar, dass man die gezeigten Locations unbewusst taxiert. Wo würde es mir gefallen? Was finde ich anziehend, was abstoßend? Wie muss die Frau aussehen, die zu diesem Zimmer passt und was würde ich von ihr wollen? Wer bin ich und was mache ich hier eigentlich? Warum habe ich dieses Buch in der Hand?

Für wen ist dieses Buch geeignet?
Schwer zu sagen. Es gibt Bildbände über alles. Wer sich dafür interessiert, kann zu jedem Thema unter der Sonne das passende Bilderbuch finden. Warum also nicht auch eines über Bordelle? Es macht die Welt nicht besser und nicht schlechter.

Was macht es dann? Es öffnet sich in verschiedenen Ebenen dem jeweiligen Betrachter. Frauen werden es anders betrachten als Männer. Praktizierende Freier anders als Prostitutionsgegner. Innenarchitektinnen anders als Raumausstatter. Kunstliebhaber anders als Pornofreunde. Jeder wird daraus etwas anderes machen und jeder hat damit Recht. Kusano macht zu ihren Fotos keine Aussagen, nimmt nicht Stellung, will nicht werten oder urteilen. Sie bildet ab. Zeigt. Und lässt uns mit unseren Eindrücken alleine zurück. So wie die Räume der Prostituierten für den Augenblick der Aufnahme alleine gelassen wurden. Sauber und aufgeräumt.

Fazit:
Bordelle ist ein handwerklich ordentliches Buch mit sehr spezifischem Thema. Wer sich dafür interessiert kann es getrost erwerben. Er erhält objektive Einblicke in Bordellzimmer. Nicht mehr und nicht weniger. Ich hätte mir noch etwas mehr Information gewünscht. Und sei es nur ein erklärender Satz der jeweiligen Einrichterin / des Einrichters der Zimmer.

Aufgrund der ordentlichen Herstellungsqualität, mit Abstrichen für die Klebung und aufgrund des doch sehr reduzierten Informationsgehaltes vergebe ich drei Punkte. Fans von Yoshiko Kusano und Bordellzimmerfetischisten sehen das sicher anders.

 

©book-reviews.club 2016