Luca Zanetti – Colombia

Rezension

Luca Zanetti

Colombia – On the Brink of Paradise

2018, Hardcover, farbig, 23,5 x 16 cm, Hochformat, gebunden, 300 SeitenISBN 978-3-85881-814-0, Scheidegger & Spiess, 38,- Euro

Die Autoren:
Luca Zanetti, Jahrgang 1971, ist ein Fotograf aus der Schweiz, der schon durch zahlreiche Projekte auf sich aufmerksam machen konnte. Als auf dem Cover genannter Autor des Buches zeichnet er hauptsächlich für das Bildmaterial verantwortlich. Begleitende Texte werden von Zanetti selbst, von der Journalistin Anamaria Bedoya Builes und von dem Schriftsteller und Journalisten Alfredo Molano beigesteuert.

Das Buch:
„Colombia – On the Brink of Paradise“ ist ein optischer und haptischer Genuss. Der feste Einband kommt ohne Schutzumschlag aus und ist von angenehmer Oberflächenbeschaffenheit. Das Cover zeigt die Luftaufnahme einer bewaldeten Dschungellandschaft, über die etwas unterhalb des Standorts des Betrachters ein kleines Flugzeug fliegt und dabei Chemikalien versprüht. Noch weiß man als Leser nicht, zu welchem Zweck. Das Bild bedeckt den gesamten Einband des Buches, ohne irgendwelche Layoutspielereien wie Rahmen oder Schatten. Auf den ersten Blick könnte es sich beim gewählten Motiv auch um buntes Geschenkpapier handeln. Titel, Autorenname und Ver-lagsangabe sind die einzigen Texte auf dem gesamten Umschlag. Sie sind in Gold gehalten, was hervorragend mit dem vielen Grün des Waldes harmoniert, und sie weisen eine Prägung auf, die dem Buch einen edlen Touch verleiht. Wie sonst sollte man ein Buch gestalten, das das Wort „Paradies“ im Titel trägt?

Der Innenteil setzt den gewählten Stil perfekt fort. Bindungsfaden und Lesebändchen nehmen den Grünton des Coverfotos auf, Spiegel- und Textseiten sind in hellem Beige gehalten, das man auch als matt-golden bezeichnen könnte. Die Typographie beschränkt sich auf fortlaufenden Text mit zarten Kapitelüberschriften, alles gesetzt in einem Grauton. Auch hier keinerlei Effekthascherei sondern die Reduktion auf Lesbarkeit und Information. Alle Texte sind in englischer Sprache verfasst.

Außer an Kapitelanfängen sind alle Fotos doppelseitig angelegt. Dies führt dazu, dass bei fast jedem Foto ein Teil davon im Falz verschwindet. Wettgemacht wird dieses Manko durch die hervorragende Qualität der Bindung, die es gut verkraftet, wenn man die Seiten etwas weiter spreizt, sowie durch die unglaubliche Präsenz der Fotos durch das größtmögliche Abbildungsformat.

Der Inhalt:
Die Autoren teilen das Buch in die folgenden Kapitel auf:

Introduction – Alfredo Molando Bravo
On the Brink of Paradise – Luca Zanetti

Kapitel mit Text und Bildern:

  1. The Burden of Remoteness
    1.1. Jungle Carriers
    1.2. The Woman and the Sea
    1.3. Expelled from Paradise
  2. Narcos
    2.1. Cocaine under the Ocean
    2.2. The Palaces of the Drug Lords
  3. War on Drugs – The endless War
  4. Wanted – The last Guerilla of Latin America
  5. Exhumations – Hope never dies
  6. Emeralds – A green obsession
  7. Frontier – Buses of the Sky
  8. Nukak – The last Nomads
  9. Land and Freedom – The Legacy of the Savanna

Besonders zu erwähnen ist eine „Summary“, ein Anhang am Ende des Buches, worin alle Fotogra-fien nochmals im Briefmarkenformat aufgeführt und näher erläutert werden. Auf den eigentlichen Fotoseiten sind keinerlei Hinweise zu finden.

Bereits das Verzeichnis der Kapitel macht deutlich, dass den Autoren daran liegt, ein möglichst differenziertes Bild von Kolumbien zu zeichnen, um dem Untertitel „On the Brink of Paradise“ (sinngemäß „Am Rande des Paradieses“) gerecht zu werden. Kein anderes Land in Südamerika steht in der übrigen Welt mehr als Sinnbild für Machtmissbrauch, Korruption und Drogenhandel als Kolum-bien. Das Buch macht daraus keinen Hehl und berichtet ausführlich über das Geschäft mit dem Kokain und über den Kampf der Behörden gegen das Netzwerk der Kartelle. Es beschreibt außer-dem die Leiden der Zivilbevölkerung unter Willkürherrschaft, Verschleppung und Mord an Angehörigen. Das sind die menschengemachten Kehrseiten der Medaille, die Kolumbien den Rang eines Paradieses verwehren.

Es gibt jedoch auch Hoffnung. Der Widerstand gegen die Drogenbarone wächst, Massengräber werden exhumiert, die Schuldigen verhaftet und die Überreste der Ermordeten an die Familien übergeben. Die Lebensweisen indigener Bevölkerungsgruppen werden respektiert. Und dies alles vollzieht sich vor dem Hintergrund einer überwältigenden Landschaft und eines Naturreichtums, der Seinesgleichen sucht. Es könnte alles so schön sein, das Paradies liegt in greifbarer Nähe.

Den Autoren gelingt in beeindruckender Weise, beim Leser Sympathie für ein Land zu entfachen, das in den Nachrichten aus aller Welt eher für negative Schlagzeilen sorgt. Die klugen und fundierten Texte harmonieren perfekt mit den ausdrucksstarken Fotografien und lassen den Leser mit der Erkenntnis zurück, dass unsere Erde ein Wunder ist und es auch weiterhin sein könnte, wenn die Menschen nicht ständig in dieselbe Falle aus Gier, Machtstreben und Hass stolpern würden.

Für wen ist dieses Buch geeignet?
Für Freunde schöner Fotobücher
Für alle mit einem Faible für Südamerika
Für Interessierte an den Verhältnissen in Kolumbien
Für Freunde sehr guter Reportagen in Text und Bild

Fazit
„Colombia – On the Brink of Paradise“ vermittelt einen hervorragenden Einblick in die großen Themen des Landes. Es verstört, entsetzt, überrascht und es gibt neue Hoffnung. Dazu ist es noch prächtig hergestellt und ausgestattet. Ein Gewinn für jeden Bücherfreund.

©book-reviews.club 2019