Gulbins / Zachmann – Monochrom

Rezension

Jürgen Gulbins
Andreas Zachmann

Monochrom

Digitale Schwarzweißfotografie:
Schwarzweiß sehen, fotografieren, bearbeiten, drucken

dpunkt.verlag, 2015, 320 Seiten, gebunden, 39,90 €

Klappentext:
„In diesem Buch geht es darum, aus der traditionellen Fotografie zu verwenden, was gut und richtig ist, und die Vorzüge der Digitalfotografie zu nutzen, dabei jedoch deren Fußangeln zu vermeiden. Gulbins lehrt das „Schwarz-Weiß-Sehen“ und zeigt die besten Techniken zur S/W-Konvertierung.“

Haptik/Ausstattung:
Das Buch liegt gut in der Hand. Mit seinen kompakten Abmaßen von 25,5cm Höhe und 21cm Breite ist es knapp unter US-Letter-Fomat gehalten. Der Einband ist stabil, für die Innenseiten wurde hartweißes, leicht glänzendes Papier gewählt, das die zahlreichen Abbildungen detailliert und kontrastreich wiedergibt. Die rote Farbe der Bindung ist der einzige Farbakzent des geschlossenen Buches. Es wirkt sehr hochwertig und macht sich überall gut – auf dem Schreibtisch, im Regal und sogar auf dem Coffee-Table.

Ein Schutzumschlag fehlt – das mag nicht wesentlich sein, ist jedoch für mich ein Manko, ich hab die Fettflecken meiner Finger lieber auf einem Umschlag als direkt auf dem Cover. Also Glacé-Handschuhe an und reingeblättert.

Inhalt:
Nach diversen Einstiegseiten und noch vor dem Inhaltsverzeichnis erscheint die ganzseitige sw-Abbildung eines Vertreters der tierischen Gattung der Canidae, worunter alle Tölen, aber auch Füchse, Wölfe und Kojoten fallen. Abgesehen von der wunderbaren Aufnahme an sich ist für mich als Laie nicht zu erkennen, ob es sich um einen alten Fuchs oder jungen Wolf oder nur Nachbars Lumpi handelt. Farbe hätte hier geholfen, ist der erste Gedanke…. 🙂 – aber das nur nebenbei.

Das Inhaltsverzeichnis erstreckt sich über vier Seiten, ist klar strukturiert und bebildert und man hat sofort den Eindruck, dass hier ein Thema erschöpfend abgehandelt wird. Das passiert genau in der im Titel genannten Reihenfolge: sw-sehen, sw- fotografieren, sw-bearbeiten.

Warum überhaupt monochrom?
Das erste Kapitel widmet sich der Frage „warum überhaupt monochrom?“ und definiert dabei „monochrom“ als nicht gleichbedeutend mit S/W sondern fasst den Begriff weiter und schließt auch Tönungen und sogar Color-Key-Aufnahmen ein. Zentrale Aussage des Kapitels: „nehmen wir dem Abbild der realen Welt die Farbe weg, so verändern wir die Betrachtungsweise.“ Sehr schöne Fotos unterstreichen die Wirkung monochromer Aufnahmen. Dabei raten die Autoren dazu, bei der Motivauswahl schon das monochrome Ergebnis vor Augen zu haben,die Fotos jedoch grundsätzlich in Farbe aufzunehmen und erst in der Bearbeitung in S/W umzuwandeln.

Monochrom-Workflow: die Aufnahme
„Basis jedes guten Bilds ist eine gute Aufnahme“ steht wie nebensächich unter einer Grafik und ist doch essentiell: gleichgültig wie ausgefeilt die Bearbeitungsprogramm inzwischen sind, die Grundlage für ein gutes Bild erschaffen wir durch den Klick auf den Auflöser. Es folgen ausführliche Tipps zu Histogrammen, einsetzbaren Filtern und zum Thema HDR. Polfilter, ND-Filter und ND-Verlaufsfilter finden Gnade vor den Augen der Autoren. Farbfilter dagegen fallen durch und stören laut Buch nur die Sicht aufs Motiv, verschlechtern die Bildqualität und kosten unnötig Geld. Ihre Wirkung lässt sich in der Bearbeitung nachbilden und zwar feiner als es während der Aufnahme möglich ist. Als Exoten werden abschließend noch Infrarotfilter behandelt.

Monochrom-Workflow: die Prävisualisierung
Hier kommen wir zurück auf den Klappentext: die Vorzüge der Digitalfotografie nutzen – in diesem Fall die sofortige Bildkontrolle. Gute Kameras können das schon selbst. Hier wird der Live-View oder die Bildanzeige auf Monochrom gesetzt. Das Motiv ist im optischen Sucher nach wie vor farbig, auf dem Bildschirm jedoch bereits monochrom. Wenn man dann dazu noch in RAW fotografiert, hat man für alle Fälle später noch sämtliche Bildinformationen (auch die Farben) parat.

Fotografen mit weniger professionellen Kameras können sich mit Smartphones oder Pads behelfen. Beispielhaft erwähnt wird die App Snapseed, mit deren Hilfe man mit dem Smartphone oder iPad einen Schnappschuss der geplanten Szene aufnehmen und in die gewünschte farbliche Tonung bringen kann, um das gewünschte Ergebnis dann in hoher Qualität mit der DSLR aufzunehmen. Die Autoren betonen dabei, dass derartige Hilfsmittel nur dann notwenig sind, wenn der fotografische Blick noch nicht genügend ausgeprägt ist. Ein guter Monochrom-Fotokünstler benötigt weder App noch Live-View sondern stellt quasi seine Augen auf S/W.

Monochrom-Workflow: die Basisoptimierung
Hier geht es um handwerkliche Korrekturen an der Aufnahme wie Horizont gerade rücken, Beschneiden, Entzerren, Belichtungs- und Farbkorrekturen, Flecken entfernen, Störendes wegstempeln. Dinge, die auch auf Farbbilder zutreffen und erst mal erledigt werden sollten, bevor man sich der s/w-Umwandlung zuwendet.

Es folgt noch ein Grundkurs in Ebenentechnik für Photoshop und die Arbeit mit Maskierungen. Photoshop und Lightroom sind die bevorzugten Programme des Buches. Zwar wird darauf verwiesen, dass es auch andere Möglichkeiten gibt, den vollen Nutzen des Geschriebenen wird aber wohl nur derjenige haben, der die Adobe-Programme einsetzt.

Von Farbe nach Schwarz-Weiß
Jetzt geht es ans Eingemachte. Kapitel 3 des Buches widmet sich der Umwandlung von Farbfotos in monochrome Bilder. Dafür nimmt sich das Werk 55 Seiten Raum und beginnt ganz provokant mit der Frage, was wir mit der Umwandlung denn eigentlich erreichen möchten. Man merkt dem Buch an, dass es kein einfacher Leitfaden sein möchte sondern den Leser immer mal wieder dazu auffordert, über seine Intentionen nachzudenken. Warum Schwarz-Weiß? Warum gerade diese Aufnahme? Warum gerade dieser Stil der Umwandlung? Das Buch möchte verunsichern, in Frage stellen, zum Vorausdenken auffordern. Man könnte zu dem Schluss kommen, dass das beste monochrome Bild dasjenige ist, das bereits mit dieser Intention aufgenommen wurde. Nachträglich ein beliebiges Farbfoto auf gut Glück in S/W umzuwandeln geht zwar auch, ist aber oft ohne Gewinn für das Bild. Das planlose Herumspielen an den Reglern der Bearbeitungssoftware ist den Autoren ein Graus. Dafür gibt es Smartphones und Apps und Presets. Hier im Buch soll es eine Stufe professioneller zugehen. Motiv erkennen, finale Bearbeitung im Blick und genau wissen, wie man dorthin gelangt – das ist der Königsweg.

Im Umwandlungskapitel wird viel mit Vergleichsbildern vorher-nachher und mit Screenshots der Reglerfenster aus Photoshop und Lightroom gearbeitet. Das ist sehr übersichtlich, leicht verständlich und gut nachzuahmen. Selbst Plug-Ins wie Silver Efex Pro oder Tonality Pro werden ausführlich besprochen.

Tonen und weitere Bearbeitungstechniken
Wer bis jetzt dran geblieben ist kann in den Kapiteln 4 und 5 noch eine Schippe drauflegen. Jetzt werden Tonungen erklärt und weitere Techniken wir Mischmodi, Abwedeln/Nachbelichten, Luminanzmasken, Hochpassfilter,…. es geht tief hinein in den digitalen Darkroom. Die Beispielbilder sind wiederum frappierend und man bekommt eine Ahnung davon, was Bildbearbeitung bedeuten kann – und wie man seine eigene Stümperei künftig einordnen muss. Für mich ein klarer Anreiz, mich intenisver mit diesem Thema zu beschäftigen.

Monochrome Bilder drucken
Natürlich drückt der professionelle Monochrome nicht einfach den Print-Button, um sein sorgfältig erstelltes Werk zu Papier zu bringen. Kapitel 6 geht detailliert auf die Wahl des richtigen Papiers ein, empfiehlt den passenden Drucker und geht alle denkbaren Einstellungen im Druckmenü durch, um das gedruckte Werk am Ende zufrieden zur Hand nehmen zu können.

Bearbeitungssitzungen
Kapitel 7 schließt das Buch ab. Anhand von zwölf verschiedenen Beispielen werden hier Bearbeitungen von Bildern Schritt für Schritt durchgespielt. Jedes Mal sieht man das Ausgangsbild, bekommt die Bildidee erklärt und durchlebt dann den Prozess der Bearbeitung. Das ist äußerst spannend und man staunt, welche Schritte im später fertigen Bild stecken, die man niemals vorher erkannt hätte.

Fazit:
Bücher mit alleinstehenden Begriffen im Titel wie in diesem Fall „Monochrom“ täuschen oftmals eine Kompetenz vor, die sie dann bei näherem Hinsehen vermissen lassen. Das Buch von Gulbins/Zachmann ist die löbliche Ausnahme. Das Thema digitale Schwarzweißfotografie wird umfassend behandelt und ist auf dem heutigen Stand der Kamera- und Softwaretechnik. Da die Prozesse und Bearbeitungsschritte seit dem Abwedeln analoger Entwicklerschalen im Grunde dieselben sind und lediglich auf Regler und Bearbeitungsfenster adaptiert wurden, kann man dem Buch eine gewisse Zeitlosigkeit bescheinigen. Besonders gefällt mir der Ansatz, Monochrombilder bereits bei der Aufnahme im Kopf zu haben. Quasi bewusst einen Schwarzweißfilm in die Digitalkamera einzulegen und Motive zu finden, die durch das Weglassen von Farbe dazu gewinnen. „Monochrom“ hat durchaus das Zeug zum Standardwerk zu diesem Thema.

 

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